Laumann auf „Ausbildungstour“ in Ankara

Ein Brot als Gastgeschenk: Karl-Josef Laumann (r.) informiert sich am ersten Tag seiner Reise beim deutschen Botschafter Eckart Cuntz über die Situation in der Türkei.
Ein Brot als Gastgeschenk: Karl-Josef Laumann (r.) informiert sich am ersten Tag seiner Reise beim deutschen Botschafter Eckart Cuntz über die Situation in der Türkei.


Ankara/Düsseldorf - Dass immer weniger türkischstämmige Jugendliche in NRW eine Lehre beginnen, ist zunächst natürlich ein hiesiges Problem. Da die Landesregierung aber ziemlich ratlos ist, wie sie die jungen Leute nebst Eltern erreichen kann, um sie vom Wert eines bestmöglichen Schulabschlusses und den Vorteilen einer fundierten Berufsausbildung zu überzeugen, flog NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann dieser Tage nach Ankara.

Ein Treffen mit Deutschlands Botschafter Eckart Cuntz, Gespräche mit dem türkischen Arbeitsminister Faruk Celik, solche mit Gewerkschaftern und Arbeitgebern: Laumann ist umtriebig. Die gesellschaftliche Integration funktioniert in erster Linie über den Arbeitsmarkt. Das ist sein Credo, diesen Satz sagt er immer wieder, fast wie ein Mantra. Und jedes Mal verbindet er ihn mit einer Bitte. Der, dass ihm die türkische Seite helfen mögen. Helfen, das Problem in NRW zu lösen, das sozialen Sprengstoff in sich birgt, das einer Zeitbombe gleichkommt.


Knapp 900.000 Türken oder Deutsche mit türkischen Wurzeln leben in Nordrhein-Westfalen, rund 20.000 sind Unternehmer, 100.000 sozialversicherungspflichtige Jobs haben sie geschaffen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Gerade 25 Prozent der jungen Türken machen eine Lehre, bei den Deutschen sind es 52 Prozent. „Wer in NRW keine Berufsausbildung hat, ist 18-mal häufiger von der Arbeitslosigkeit betroffen als jemand mit Berufsausbildung“, sagt der Minister. Und, nein, aufgesetzt wirkt es nicht, wenn Laumann sagt: „Das macht mir wirklich Sorgen.“ Der 51 Jahre alte Sozialpolitiker weiß, was in der Arbeitswelt verlangt wird – 17 Jahre lang hat Laumann als Schlosser gearbeitet.

Worte bestimmen Wirklichkeit, darum sollten sie mit Bedacht gewählt werden. So beklagt Laumann zwar, dass zu wenige Türkischstämmige in NRW eine Lehre machen, er klagt sie aber nicht an und gibt in Ankara unumwunden zu, dass die Landesregierung ratlos sei, wie man junge Türken in NRW erreicht, und „dass wir uns Unterstützung erhoffen von der Regierung in Ankara“.

Und die ist unerwartet aufgeschlossen, was den Minister positiv überrascht. „Ihre Probleme sind unsere Probleme“, erklärt Arbeitsminister Celik. „Wir wollen, dass die türkischstämmigen Bewohner in Ihrem Land ihre Werte leben können, sich aber auch integrieren und glücklich sind.“ Verabredet wird, wie bei solcherart Visiten üblich, eine gemeinsam Erklärung. Bei der es Laumann aber nicht belassen will. „Da bleiben wir am Ball“, sagt er zwischen zwei Gesprächen. Auf der Arbeitsebene wird NRW nun mit Ankara Konzepte entwickeln, um die Zahl der ungelernten türkischen Jugendlichen zu verringern.

Das Entgegenkommen Ankaras kommt nicht von ungefähr: Im Lande gibt es ähnliche Probleme. Die Wirtschaft wächst, die einfachen Jobs schwinden. „Auch wir brauchen gut ausgebildete Arbeitskräfte“, sagt Bülent Pirler, der Generalsekretär des Arbeitgeberverbandes. Der plant in der Türkei demnächst eine Medienkampagne mit erfolgreichen Vorbildern aus der Arbeitswelt – um türkischen Familien den Wert einer fundierten Ausbildung zu vermitteln. Laumann gefällt die Idee. Warum das Rad zweimal erfinden? Und ein Vorbild nennt er auch auf dieser Reise: sich selbst. Von der Werkbank zum Minister.

VON ELMAR RIES, MÜNSTER

01 · 12 · 08


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