
Acht Minuten Silvesterfeier
Wenn andere feiern, dann sind sie im Dienst: Die Rettungsassistenten Matthias Büchter und Friederike Döring waren zum Jahreswechsel im Einsatz - an Bord eines Ibbenbüreners Rettungswagens von 19 bis 7 Uhr morgens.
Ibbenbüren. Es ist 23.54 Uhr. Gerade noch geschafft: Friederike Döring und Matthias Büchter hetzen die Treppen der Wache hinauf, durch den Aufenthaltsraum auf die Dachterrasse. Der Rest vom Team wartet dort bereits. Die beiden greifen sich ein Glas alkoholfreien Sekt und stoßen um Mitternacht auf das neue Jahr an. Acht Minuten später ist die kleine Silvesterfeier schon wieder vorbei. Der Pieper am Gürtel ruft die Rettungsassistenten zum nächsten Einsatz.
Döring und Büchter sind in der Nacht zu Sonntag zwischen 19 und 7 Uhr auf Rettungswagen eins (RTW 1) eingeteilt. Das Fahrzeug, das bei Notfällen immer zuerst ausrückt. Kommt ein Einsatz, müssen sie binnen zwei Minuten im Wagen sitzen.
So wie jetzt: Die Gläser werden irgendwo abgestellt, im Laufschritt geht es zur Rutschstange und ein Stockwerk tiefer. Im Erdgeschoss steht der Wagen. Das Rolltor fährt hoch. Motor an, Vollgas. Mit Blaulicht rast RTW 1 durch die Nacht. 20-Jährige, Beinverletzung. Mehr wissen die Retter noch nicht über diesen Einsatz.
Die beiden sind erfahren: Seit zehn Jahren gehört Büchter zum Rettungsteam, seine Kollegin ist seit fünf Jahren dabei. Nicht feiern zu können macht ihnen nichts aus. „Es wäre natürlich schön, bei den Lieben zu Hause zu sein“, sagt der 29-Jährige. „Aber das gehört zum Beruf einfach dazu.“ Auch Döring sieht den Dienst gelassen: „Ich habe lieber am ersten Mai frei.“
Die fröhliche Stimmung, die noch auf der Dachterrasse herrschte, hat sich gewandelt. Gerade haben die Rettungsassistenten noch SMS an Bekannte geschickt, Kollegen umarmt, ein „frohes Neues“ gewünscht. Am Himmel leuchtete das Feuerwerk der „Aura“. Nun sitzt die 24-Jährige auf dem Beifahrersitz, Büchter fährt. Beide sind konzentriert, kaum ein Wort fällt. Das Martinshorn und der heulende Motor durchbrechen die Stille, das Autoradio ist kaum zu hören.
Am Einsatzort drängt sich schnell eine angetrunkene Schar um den Rettungswagen. Das Autoradio spielt das Partylied „Zehn kleine Jägermeister“ – passend zur Szenerie. Jetzt heißt es Ruhe bewahren. Die Helfer steigen aus, suchen das Opfer. Es ist kalt und nieselt. Stark geschminkte Mädchen im Minirock stehen ringsum, Jungs rauchen Zigarren, zünden Böller, lachen. Erinnerungsfotos werden gemacht, ein Meter Bier herumgereicht. Eine normale Silvesterfeier. Bis auf den Rettungswagen.
Endlich ist die junge Frau im Heck des Mercedes. Döring sitzt neben ihr, fragt sie nach Alter, Wohnort, welches Jahr gerade ist. Reine Kontrolle, ob sie ansprechbar ist. Abfahrt. Büchter ranzt aus dem Fenster in Richtung der Jugendlichen: „Von der Straße runter, aber schnell.“ Nicht der einzige Moment, in dem bei diesem Einsatz geschrien werden musste. Friederike Döring musste sich zuvor ebenfalls mit Nachdruck gegen die Partygruppe durchsetzen.
Alles ist in Blaulicht getaucht. Als Matthias Büchter wenden will, stellt sich die Menge genau vor den Wagen. Büchter seufzt. Er greift rechts neben sich und drückt zwei Knöpfe. Der ohrenbetäubende Lärm des Drucklufthorns durchschneidet die Nacht. Die Meute zuckt zusammen, macht zögerlich den Weg frei. Von allen Seiten trommeln plötzlich Böller auf RTW 1 ein. Aber Büchter bleibt ruhig. Er fährt ab und atmet tief durch. „So etwas ist Ausnahmezustand“, sagt er schließlich.
Die Betrunkene wird ins Ibbenbürener Krankenhaus gebracht, um 0.41 Uhr parkt der Rettungswagen wieder in der Wache. Das Rolltor fährt herunter. „Wir sind wieder hier, in unserm Revier“, schmettert Büchter einen Westernhagen-Titel. Seine Kollegin muss schmunzeln. Die gute Laune von vorhin ist wieder da. Die beiden Retter steigen wieder die Treppen zum Aufenthaltsraum hinauf. Der erste Einsatz des neuen Jahres hat Eindrücke hinterlassen. „Also, ich bin ja schon echt laut geworden. Und ich schreie sonst ja nicht“, sagt die Ibbenbürenerin zu ihrem Kollegen. Der lächelt. „Ja, aber die waren trotzdem alle lauter als du.“ Beide lachen.
Zeit für eine kleine Pause. Der Fernseher zeigt eine Liveübertragung der Silvesterparty am Brandenburger Tor in Berlin. Udo Jürgens tritt dort auf, singt „Mit 66 Jahren“. Niemand aus der Wache guckt zu. Die anderen Kollegen sind gerade zu einem kleinen Brand ausgerückt. Döring und Büchter verschicken per Handy Silvestergrüße – bis 1 Uhr. Dann ruft sie der Pieper wieder. Der nächste Einsatz für die Rettungsassistenten in dieser Silvesternacht.

Tel: 05451 933 246
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