
"Früher waren die Klassen voll..."
Sieben Monate ist es her, dass die Grundschule Dörenthe unter heftigen Protesten geschlossen wurde. Zu Besuch in der Schule, oder dem, was davon übrig ist, die heute auf eine neue Nutzung wartet.
Dörenthe. Nach der Empörung, nach Protest und Kuller-Tränchen aus Kinderaugen und nach dem allerletzten Schultag kamen die gelben Zettelchen. Aufgeklebt auf Tafeln und Schränke, auf Tische und Stühlchen: „Tassen und Teller Ludwig“ hat jemand auf eines der gelben Zettelchen gekritzelt. Es hängt in der Teeküche. Gelbes Zettelchen, das heißt: Ist noch zu gebrauchen. Gelbes Zettelchen – wird abgeholt. Die Grundschule Dörenthe, Stück für Stück wird sie ausgeplündert. Wird abgewickelt. Aus den Tassen wird nun in der Ludwigschule getrunken. Auf den Stühlen . . .
Sieben Monate, so lange ist es her. Ist die Grundschule schon zu. Ihr guter Geist ist geblieben: Maria Ahmann als Hausmeisterin sieht nach wie vor nach dem Rechten. „Ich bin ja selbst in diese Schule gegangen“, erinnert sie sich. Und auch ihre fünf Kinder haben die Grundschule in Dörenthe absolviert. Es waren schöne Jahre. „Viele Menschen sind heute traurig, dass diese Schule zu ist“, sagt Maria Ahmann und dreht das dicke Schlüsselbund herum. Sie öffnet die Tür zu einem Gemäuer im Dornröschenschlaf. Im Eingang liegen Briefe, liegen Werbeblättchen und alte Schulbücher. Franz Robbe (er ist bei der Stadt Ibbenbüren für den Fachdienst Schulen zuständig) geht mit auf einen kleinen Rundgang: „Hier gab es früher alles, was zu einer richtigen kleinen Schule gehört.“ Stimmt: Vieles davon steht noch rum. Es sieht so aus, als wären die kleinen Schüler einfach aufgestanden und nur mal eben kurz weggegangen. Als könnte es gleich schellen und dann stürmen sie wieder rein in die Klassen. Die Heizung läuft; aber irgendwie ist es kalt in der Grundschule in Dörenthe.
Franz Robbe hat Zahlen, Daten und Fakten dabei, abgelegt zwischen zwei Aktendeckeln: In den Jahren 1958/1959 ist die Schule gebaut worden. Das Gebäude gehört der Stadt. Die Baukosten von damals, sie sind nicht mehr darstellbar. Wollte man zusammenrechnen, was sie in guten alten D-Mark in den Jahren des Wirtschaftswunders gekostet hat, müsste man ganz tief in die stätischen Archive abtauchen. Unmöglich.
Ein paar Zahlen gibt es dennoch: Das Grundstück ist 4100 Quadratmeter groß, das Gebäude misst auf zwei Etagen rund 1900 Quadratmeter. Es gibt vier Klassen mit 410 Quadratmetern Fläche. Ein riesiger Mehrzweckraum unterm Dach, Lehrerzimmer, Besprechungsräume, Toiletten und sogar eine kleine Bücherei. „Hier sind Tausende von Schülern durchgegangen“, sagt Franz Robbe und weist darauf hin, dass 52 Jahre lang in Dörenthe unterrichtet wurde. „Früher gab’s eben mehr Schüler“, sagt Robbe. Und zuckt mit den Schultern.
Heute nicht mehr. Heute wartet die Schule auf eine neue Nutzung. Die Stadt Ibbenbüren will sie gerne verkaufen. Maria Ahmann sorgt dafür, dass der Bau in Schuss bleibt: Lüften, tägliche Kontrollgänge, darauf achten, dass alle Fenster zu sind, nach dem Wasser sehen, die Heizung im Schlummerbetrieb überwachen, all das macht Maria Ahmann. Meistens abends: „Nein, gespenstisch ist das hier nicht in der leeren Schule“ – kein Wunder: Ihr Mann geht immer mit bei ihrem Rundgang . . .
„Die Grundsubstanz ist noch völlig okay und wir kümmern uns um das Gebäude“, sagt Franz Robbe. Wenn die alte Schule längerfristig leer stehen sollte, wird die Stadt sogar Reparaturen und Sanierungen einplanen. Ziel: Die Substanz erhalten.
„Es war eine schöne Zeit mit den Kindern und mit den Lehrern. Heute ist kein Betrieb mehr. Das berührt einen schon“, sagt Maria Ahmann. Sie dreht das dicke Schlüsselbund herum. Tür zu, Rundgang vorbei, fertig für heute. Morgen kommt sie wieder. Jemand will was abholen. Irgendwas mit einem gelben Zettelchen . . .
Cornelia Ebert: „Schließen war richtig“:
Im Juli 2011 ist die Grundschule geschlossen worden. Zu diesem Zeitpunkt sind dort noch 33 Schüler unterrichtet worden. Neuere Überlegungen der NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die aktuell im Landtag ein Konzept gegen das landesweite Schulsterben vorgestellt hat, hätten die Grundschule in Dörenthe nicht retten können. Schulministerin Löhrmann möchte künftig Teilstandorte von Schulen mit mindestens 46 Schülern zulassen. Selbst diese gesetzliche Neuregelung – sollte sie den so beschlossen werden, hätte die Grundschule im Ortsteil nicht gerettet. „Auch unter geänderten Umständen ist die Entscheidung zu Dörenthe richtig gewesen“, kommentierte daher auf Anfrage Cornelia Ebert, die Erste Beigeordnete der Stadt Ibbenbüren.

Tel: 05451 933 239
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