1. TEIL_
Mehr als 500 Häftlinge mussten auf Fliegerhorst in Dreierwalde schuften

Vom Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort aus, einem der drei großen Straflager in den Niederlanden, traten 500 Häftlinge die Fahrt mit Zug zum Fliegerhorst in Dreierwalde an. Am 20. April 1944 erreichten sie die Station Ostenwalde. Das Lager Amersfoort (Foto) ist heute eine Gedenkstätte.
Vom Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort aus, einem der drei großen Straflager in den Niederlanden, traten 500 Häftlinge die Fahrt mit Zug zum Fliegerhorst in Dreierwalde an. Am 20. April 1944 erreichten sie die Station Ostenwalde. Das Lager Amersfoort (Foto) ist heute eine Gedenkstätte.
(Fotos: Stephan Beermann)


Dreierwalde. Bald 65 Jahre - fast ein Menschenalter - liegt der Zweite Weltkrieg zurück. Die meisten von uns haben diese Zeit nicht mehr bewusst miterlebt. Und dennoch werfen diese schrecklichen zwölf Jahre, in denen ein verbrecherisches Regime und dessen Gefolge von Deutschland aus Leid und Tod über viele Menschen brachten, immer wieder neue Fragen auf. Auch Nachgeborene lassen die Folgen von Rassismus, Vernichtung und Krieg nicht los. Das erfahrene Leid lässt sich nicht einfach abschütteln und vergessen. Oft setzt es sich schmerzlich fort in die nachfolgende Generation.

Diese Erfahrung machte und macht bis heute Joyce Maureen de Bos-Bekker aus Rotterdam. Ihr Vater Anton Albertus Bekker verstarb am 20. August 2003 im Alter von 78 Jahren. Er hinterließ seiner Tochter ein von Hand geschriebenes Dokument, in dem er unter anderem die Geschichte seiner Kindheit und Jugend schildert. Der Krieg, die deutsche Besatzung in Holland und vor allem die Gefangenschaft unter anderem in Dreierwalde haben ihn tief geprägt. Für Joyce de Bos waren diese Aufzeichnungen Anlass, Spuren der Vergangenheit aufzusuchen, die das persönliche Verhältnis zum Vater später so sehr prägen sollte. Die 53-Jährige plant, über ihre Nachforschungen und ihren Vater ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen



Die Spurensuche hat Joyce Maureen de Bos-Bekker unter anderem nach Dreierwalde geführt. Sie ist die Tochter eines ehemaligen Häftlings.
Die Spurensuche hat Joyce Maureen de Bos-Bekker unter anderem nach Dreierwalde geführt. Sie ist die Tochter eines ehemaligen Häftlings.
(Fotos: Stephan Beermann)


Die letzten Kriegsmonate erlebte der 1925 geborene Anton Bekker auf dem Fliegerhorst in Dreierwalde, in den Krankenhäusern von Hopsten und Hörstel und sowie in einem Gefängnis in Rheine. Die Erlebnisse, die er dort machte und die sich mit den Schilderungen seiner holländischen Zeitgenossen decken, sind zumindest in unserer Region kaum oder gar nicht bekannt. So war es selbst profunden Kennern der Geschichte des Fliegerhorstes nicht bekannt, dass sich dort ein umzäuntes Lager für bis zu 500 Häftlinge befand. Die Dozentin Joyce de Bos versucht, möglichst genau die Zeit und die Umstände kennenzulernen, unter denen ihr Vater ein Leben lang physisch und psychisch sehr litt.

Anton Bekker wuchs in einem Waisenhaus in Den Haag auf. Dort wurde er im Alter von 18 Jahren verpflichtet, bei IG Farben in Ludwigshafen zu arbeiten. Ab 17. September 1943 wurde er registriert als Zwangsarbeiter in der TNT-Fabrik Oppau. Am 13. Januar flüchtete er von dort, tauchte in Den Haag unter und wurde am 24. März vom deutschen Sicherheitsdienst (SD) aufgegriffen. Wenige Tage später wurde er in eines der drei großen Konzentrationslager auf niederländischem Gebiet verbracht: ins Polizeiliche Durchgangslager (PDl) Amersfoort unweit von Amsterdam. Tausende Menschen mussten dort hinter Stacheldraht unter schwersten Bedingungen und Misshandlungen schuften. Neben Juden und politischen Häftlingen waren darunter Sinti und Roma und russische Kriegsgefangene. Ungezählte erlagen den katastrophalen Lagerbedingungen, sie wurden krank, verhungerten, sie wurde zu Tode gequält oder auf dem Schießstand der SS erschossen. In dem ehemaligen Lager Amersfoort befindet sich heute eine Gedenkstätte, die jedem Besucher offensteht.In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1944 setzte sich vom Lager eine lange Menschenkolonne zum Bahnhof von Amersfoort in Bewegung, zynisch als „Geburtstagsgeschenk für den Führer“ bezeichnet. Ab da sollte für Anton Bekker ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Ein Transport von 500 Männern erreichte am 20. April eine Bahnstation auf freier Fläche. Nach Mitteilung von Günter Sundermann, Verfasser des Buches „Geschichte des Fliegerhorstes Hopsten“, kann dies nur die Station in Ostenwalde an der Tecklenburger Nordbahn gewesen sein. Von dort wurde der Fliegerhorst während des Krieges versorgt; dort hielten auch die Tankwaggons zur Versorgung der Flugzeuge mit dem nötigen Treibstoff.

Der Gefangenentransport wurde in zwei Gruppen von jeweils 250 Männern aufgeteilt. Die Gefangenen erreichten eine Baracke, an der man noch damit beschäftig war, rundherum doppelte, drei Meter hohe Stacheldrahtabsperrungen zu errichten. In der Baracke, die im nördlichen Teil des Fliegerhorstes gestanden haben dürfte, befanden sich Einzelräume für jeweils 30 Menschen, ausgestattet mit dreistöckigen, sehr engen Betten, auf denen Strohmatratzen lagen.

Aufgabe der Häftlinge war es, die Start- und Landebahn zu verbreitern und zu verlängern. Darüber schrieb Anton Bekker in seinen Erinnerungen: „Die Grassoden an den Seiten mussten ausgestochen werden, die Erde ausgegraben - auch bei Sturm und Regen. Mit Ledertüchern mussten wir die Erde wegbringen. Später kamen Züge, die immer 20 oder 30 Waggons hatten. Darin waren sehr grobe Schuttbrocken. Die mussten wir mit einer Schaufel abladen. Es war sehr schwere Arbeit. Oft kamen die Züge auch nachts. Auch dann mussten sie direkt abgeladen werden. Das war zusätzlich zu den normaloen Arbeitszeiten.“ Zur Bahn und wieder zurück zu den Baracken zu laufen, kostete auch Stunden. „Das war für mich unmenschlich schwer.“

>> Lesen Sie die Fortsetzung demnächst in unserer Zeitung.

VON STEPHAN BEERMANN, IBBENBÜREN

05 · 03 · 10



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