Ibbenbüren. Konzentriert visiert Simon Lizotte den Zielkorb an. Noch eine kleine Drehung, dann schleudert er die gelbe Frisbeescheibe los. In einem großen Bogen fliegt sie zig Meter zwischen Bäumen und Sträuchern her. „Die Schwierigkeit an dieser Bahn ist, dass man nicht einfach nur geradeaus werfen durfte, sondern um den Baum links herum, sonst gibt es Strafpunkte, erklärt der 17-jährige Schüler aus Bremen und verweist auf das kleine Schild mit der Aufschrift „Dog Leg“. Wie alles bei der Trendsportart Disc-Golf ist auch dieser Hinweis in Englisch geschrieben. „Die Sportart kommt ja aus Amerika, da ist das ja klar“, sagt Simon Lizotte und packt den kleinen lila Marker in seine Tasche.
Zusammen mit seinen Mitspielern Sven Rippel und Melwin Korth macht der Gymnasiast sich auf die Suche nach seiner Frisbeescheibe. „Das Prinzip des ,Disc-Golf ist genauso wie beim Golf, man versucht, die Scheibe mit möglichst wenig Würfen in den Korb einzuputten.“ Nur knapp zehn Meter vorm Ziel entdeckt Simon die gelbe Scheibe im Gebüsch. „Ich muss jetzt genau von dieser Stelle aus werfen“, erklärt er und krabbelt zwischen die Äste. Sven Korth findet seine Scheibe währenddessen auf einem kleinen zugefrorenen Teich. „Das ist „OBI“, ruft Melwin. „Also Out of bounds“, erklärt der 15-Jährige, der für das Disc-Golf-Turnier im Ibbenbürener Klettergarten aus der Nähe von Dortmund angereist ist. Für Sven Rippel bedeutet das Strafpunkte.
Simon hat seine Frisbeescheibe inzwischen eingeputtet und fischt sie aus dem Stahlkorb heraus. Kräftig reibt er die Hände aneinander. „Es ist richtig kalt“, sagt der Disc-Golfer und klopft sich den Schnee von seinen dicken Trekkingschuhen. „Ich spiele lieber im Sommer, im Winter kann man sich mit den dicken Klamotten gar nicht so richtig bewegen, außerdem sind die Hände kalt, die Scheiben kalt, eben alles“, sagt er.
Seit seinem zweiten Lebensjahr spielt Simon Disc-Golf. Er hat die Leidenschaft zu dem in Deutschland fast unbekannten Sport von seinem Vater geerbt. „Der kommt aus Kanada und da ist die Sportart wesentlich verbreiteter. In Amerika ist es aber noch populärer, da gibt es riesige Turniere und die besten Spieler der Welt“, sagt er mit einem Funkeln in den Augen.
Amerika ist Simons Traum. Im Gegensatz zu Deutschland könne man dort hauptberuflicher Disc-Golfer werden. „Das wäre in Deutschland überhaupt nicht denkbar, obwohl es in den letzten Jahren schon einen riesigen Aufschwung gegeben hat.“Ganz unmöglich scheint Simons Traum nicht. Mittlerweile ist der 17-Jährige bereits Deutscher Meister. Im vergangenen Jahr hat er weltweit 18 Turniere gespielt. „Das Beste war in Finnland, da habe ich am Ende mit den Besten der Welt in einer Gruppe gespielt.“ Doch auch die „Courses“ in Amerika, Italien oder Holland seien nicht „Ohne“ gewesen.
Soweit sind Sven Rippel und Melwin Korth (noch) nicht. Doch die beiden sind auch noch nicht so lange dabei. Melwin hat das Disc-Golf in einem Urlaub an der Ostsee entdeckt. „Das war vielleicht so vor vier Jahren, da habe ich das mal gesehen und ausprobiert.“ Auch bei Sven war es der Zufall. „Ich komme aus Lünen und da gibt es seit zwei Jahren den größten Disc-Golfpark Deutschlands. Ich bin einfach mal hin, hab es ausprobiert und bin dabei hängen geblieben“, erklärt der Gymnasiast. Mit einem Handtuch wischt er über die bunte Frisbeescheibe in seiner Hand. „Das muss man immer dabei haben, gerade jetzt bei dem Schnee, erklärt er und faltet den Frotteelappen zusammen. Mehr als zwanzig Scheiben hat er in seiner Tasche. In allen Farben und Formen sind sie für jeden Wurf bereit.
„Das muss man sich vorher ganz genau überlegen, welche Scheibe für den Wurf passend ist“, sagt Simon. Während die sogenannten „Driver“ in ihrer windschnittigen Form eher für die ersten und weiten Würfe geeignet sind. Seien die „Mid-Ranger“ für die Würfe zwischen 50 und 100 Meter am besten. „Für den letzten Wurf nimmt man dann die „Putter“, die haben einen ganz dicken Rand und sind am stabilsten“, so der Deutsche Meister.
Doch es ist nicht nur eine Mischung aus Form und Gewicht der Frisbeescheiben, die das Spiel für die drei Jungs so spannend macht. „Mann muss auf den Punkt konzentriert sein, sonst geht der Wurf daneben. Außerdem kommen Faktoren wie Wind und die landschaftlichen Gegebenheiten hinzu“, erklären die Disc-Golfer. Vom Kurs im Ibbenbürener Kletterwald mit seinen 20 Stationen sind die Drei begeistert. „Die Strecke ist zwar nicht so lang, aber total abwechslungsreich“, befindet Simon.
Ein Aspekt, der den klirrend kalten Tag in Ibbenbüren auch körperlich anstrengend macht. „Eigentlich ist Disc-Golf ja eher ein mentaler Sport, im Endeffekt ist es ja nur ein Spaziergang, bei dem man ab und zu mal eine Scheibe wirft“, sagt der 17-Jährige mit einem Augenzwinkern. An diesem Tag jedoch ist es ein harter Spaziergang. Der Schnee und die Minustemperaturen machen das Turnier im Ibbenbürener Kletterwald zu einer physischen Herausforderung.