Mettingen
Staßennamen-Serie
26.01.2012

Eine Tüöttenvilla als Namensgeber

Eine Burg hat es in Mettingen nie gegeben, trotzdem gibt es im Ort eine Burgstraße. Zu verdanken hat sie das einem imposanten Gebäude auf einer Anhöhe. Denn dieses wird im Volksmund Burg genannt.

Mettingen. Hört man das Wort „Burg“, stellt man sich meist eine mittelalterliche Ritterburg mit Türmen, Mauern, Schießscharten, Wehrgang und Zugbrücke vor. Solch eine Burg hat es in Mettingen nie gegeben, obwohl eine Bauerschaft Nierenburg heißt. Der erste Teil dieses Namens bedeutet „niedrig, tief gelegen“. Als „ned, neder oder nier“ kommt das Wort zum Beispiel in „Nederlande“ und „Nierbach“ (bei Melle) vor. Die Bauerschaft Nierenburg liegt mit durchschnittlich 60 Metern über NN deutlich niedriger als das Dorf (85–95 Meter) und die Bauerschaften Wiehe und Höveringhausen (160–170 Meter).

Der zweite Teil des Namens bezeichnet eine Burganlage, allerdings nicht eine Burg wie an Rhein und Mosel oder wie die westfälischen Wasserburgen, sondern einen von einem Wall oder einer Mauer umgebenen großen Bauernhof, in dessen Schutz die Bewohner bei Gefahr flüchten konnten.

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Der Name „Burgstraße“ hat aber mit der Bauerschaft Nierenburg nichts zu tun. Wohl aber mit einer Tüöttenvilla, die im Volksmund „Burg“ genannt wird, weil sie an der Sunderstraße auf einer leichten Anhöhe in einem Park liegt. Sie war früher von einer Sandsteinmauer umgeben und bietet auch heute noch einen recht herrschaftlichen Anblick. Der Kaufmann Gregorius Desiderius Xaverius Voß und seine Frau Auguste Elisabeth Bernhardine ließen das zweieinhalbstöckige Wohnhaus nach einem Entwurf von Josef Kuhlmann im spätklassizistischen Stil erbauen. Wie eine Inschrift an der nördlichen Hauswand zeigt, durften ihre Söhne Carl (9 Jahre), Silver (4) und Albert (2) am 20. Juli 1880 den Grundstein legen. Die Familie Voß (auch Vohs oder Voss), die ab 1880 „Voß up de Burg“ genannt wurde, hatte vorher den gegenüberliegenden Schultenhof bewohnt, betrieb aber schon seit mehreren Generationen Leinenhandel in den Niederlanden.

Der Großvater von Xaverius Voß hatte das Manufakturen-Geschäft „B.J. Voß en Zonen“ gegründet, das in Leeuwarden, Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Arnheim ansässig war. Durch den Leinenhandel wurde die große Familie Voß sehr wohlhabend, auch zum Wohle ihres Heimatdorfes. Die Gebrüder Bernhard Joseph, Joseph Cornelius, Heinrich Alexander und Gerhard Heinrich Voß schenkten der katholischen Kirchengemeinde das zum Grunderwerb und Bau des Krankenhauses „Sancta Elisabeth“ notwendige Geld. Am 19. Juli 1883 erfolgte die Grundsteinlegung. Den Auftrag zum Bau erhielt der Mettinger Maurer- und Zimmermeister Joseph Krümpelmann. Auch für den Bau der St.-Agatha-Kirche (1891–1894) bekam der in Holland Spenden sammelnde Pfarrer Heinrich Hüging einen nicht geringen Geldbetrag von der Familie Voß. Bis zum 14. September 1960 befand sich die „Burg“ im Besitz der Familie Voß. An diesem Tag kaufte der Franziskaner-Orden das Gebäude mitsamt dem Grundstück und dem alten Baumbestand, der ebenso wie das Haus unter Denkmalschutz steht. Seitdem wird die Tüötten-Villa von Patres der „Nordbrasilianischen Franziskaner-Provinz vom Heiligen Antonius“ bewohnt, die dort im Institut für Brasilienkunde arbeiten und im Comenius-Kolleg nebenan unterrichten.

Die Burgstraße führt von der Recker Straße am Schultenhof vorbei bis zur „Burg“ an der Sunderstraße.

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