Nacht-Talker Jürgen Domian stellt sein neues Buch vor
Nacht-Talker Jürgen Domian liest am Samstag im Prinzipalsaal aus seinem neuen Buch.
Münster - Werktags um 1 Uhr schlägt seine große Stunde. Dann wird Jürgen Domian zum Seelsorger der Nacht. In der nach ihm benannten Talksendung, die live im Radio und im TV läuft, spricht er mit normalen Bürgern über Themen, die kein Tabu kennen.
Dadurch habe er schon Leben gerettet, verrät der Talkmaster im Interview mit Live-Mitarbeiter Florian Schröder. Am Samstag liest Domian aus seinem ersten Roman vor.
Was war bei Ihrem ersten Roman „Der Tag, an dem die Sonne verschwand“ anders als bei früheren Büchern?
Jürgen Domian: Die Motivation war eine ganz andere. Die ersten Bücher waren Begleitarbeiten zur Sendung. Dieses Buch ist ein Roman und somit ein ganz neues Terrain. Ich habe lange gezögert, mich an etwas so Umfangreiches zu wagen.
Wäre die Hauptfigur Lorenz jemand, der in Ihrer Sendung anruft?
Domian: Vielleicht, ja. Er könnte sich mit seiner Lebensproblematik durchaus äußern. Er hat extrem große Schuldgefühle seiner toten Freundin gegenüber.
Haben Sie sich für die Figuren in Ihrem Buch Anregungen aus Ihrer Sendung geholt?
Domian: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dieses Buch wäre nicht entstanden, wenn ich nicht seit 14 Jahren diese Sendung machen würde, oder so gelebt hätte, wie ich die letzten 20 Jahre gelebt habe.
Hatten Sie nie eine Schreibblockade?
Domian: Eigentlich nicht. Ich bin aber ein Langsamschreiber. Ich bewundere Leute, die pro Tag fünf bis zehn Seiten raushauen. Wenn ich am Tag auf eine Computerseite komme, bin ich schon glücklich. Das Schreiben ist eine angenehme Parallelwelt zu meiner hochkommunikativen sonstigen Arbeit.
Würden Sie jemandem den Job als nächtlicher Moderator empfehlen?
Domian: Ja. Ich würde ihn deshalb empfehlen, weil der Job verbunden ist mit sehr tollen Erfolgserlebnissen. Mit diesem kleinen Format in der Nacht haben wir schon gravierend positiv in Biografien eingegriffen – bis dahin, dass wir wirklich Leben retten konnten. Das ist eine Art der medialen Seelsorge.
Inwieweit haben Sie mit Ihren Gesprächen eine Verantwortung?
Domian: Es ist eine große Verantwortung meinem Gesprächspartner und den vielen Tausend Zuhörern gegenüber. Das ist jede Nacht ein Seiltanz – trotz aller Routine. Es gibt aber auch Fälle, in denen ich mir denke: Da warst du zu hart oder nicht entschieden genug. Vor ein paar Tagen hatte ich einen Fall: Ein junger Mann, dessen Vater gestorben ist. Der konnte nicht Abschied nehmen. Er hat erzählt, der Grund lag darin, dass er den schlimmen Anblick des sterbenden Vaters nicht ertragen konnte. Da war ich in innerlicher Aufruhr, dass jemand so ein Weichei ist.
Ein Weichei?
Domian: Natürlich. Was ist denn das für ein Argument, zu sagen, man könne den Anblick nicht ertragen? Es geht doch darum, dass man dem Vater einen Dienst erweist und für ihn da ist.
Gibt es ein Thema, das Sie nicht behandeln möchten?
Domian: Nein. Wir reden ja auch mit Nazis oder Pädophilen. Wann hat man schon mal die Chance, mit einem Pädophilen zu reden? Und dann noch die zu erreichen, die da nachts in ihren Zimmern hocken? Da habe ich keine Berührungsängste.
Können Sie sich bei solchen Menschen einer Meinung enthalten?
Domian: Natürlich nicht. Es ist ja auch das Erfolgsrezept der Sendung, dass ich nicht neutral und objektiv bin. Die Leute haben das Gefühl: Da sitzt jemand mit einer Meinung. Ich sage meine Meinung, dass ich zum Beispiel für aktive Sterbehilfe bin. Und ich sage sie auch, wenn ich mit einem Mauerschützen spreche.