
Kulturschock in Quito
Mein Name ist Otis Benning. Ich bin sechszehn Jahre alt und war bis vor Kurzem noch auf dem Goethe-Gymnasium in Ibbenbüren. Jetzt bin ich in Ecuador. Das heißt, während in Deutschland gerade um 20 Uhr die Sonne untergeht, komme ich aus der Schule. Zwischen Deutschland und mir liegt nicht nur ein großer Teich, sondern auch sieben Stunden Zeitverschiebung.
Hallo Ibbenbüren,
mein Name ist Otis Benning. Ich bin sechszehn Jahre alt und war bis vor kurzem noch auf dem Goethe-Gymnasium in Ibbenbüren. Jetzt bin ich in Ecuador. Das heißt, während in Deutschland gerade um 20 Uhr die Sonne untergeht, komme ich aus der Schule. Während sich am Samstag um acht Uhr morgens die Menschen in Deutschland an den Frühstückstisch setzen, gehe ich vielleicht nach einer lustigen Fete oder einem schönen Abend mit Freunden in mein Bett. Zwischen Deutschland und mir liegt nicht nur ein großer Teich, sondern auch sieben Stunden Zeitverschiebung. Ecuador ist das kleinste Land in Latein-Amerika. Mit knapp 14 Millionen Einwohnern liegt es im Nord-Westen des Kontinents.
Sein Geld verdient das Land hauptsächlich mit Blumenhandel, Früchteexport und Öl. Seit ein paar Jahren aber, wächst im Land auch noch ein neuer Wirtschaftszweig: Der Tourismus. Denn obwohl Ecuador ein Entwicklungsland ist und mit seiner unmittelbaren Nähe zu Kolumbien als sehr gefährlich eingestuft wird, besitzt es doch auch wunderbare Naturreichtümer von unüberschaubarem Ausmaß. Die Strände, so schön wie sonst fast nirgends zu finden, die Dschungel und Regenwälder, so viele vom Aussterben bedrohte Tierarten, wie in sonst keinem Land der Erde, und die Bergregionen, die sogar Gletscher hervorbringen.
Ich lebe hier in Esmeraldas. Bleiben werde ich für ein Jahr und ich wohne bei zwei Familien, die mich über die Organisation Rotary Youth-exchange aufgenommen haben. Esmeraldas hat über 100 000 Einwohner und liegt in der gleichnamigen Region Esmeraldas, die an Kolumbien grenzt. Meine Stadt ist vor allem für ihre Randstadt "Las Palmas" bekannt. Dort kann man gut feiern und der Strand soll wunderschön sein, noch bin ich nicht dagewesen.
Am 25. August ging es los. Um zwei Uhr morgens klingelte der Wecker. Den hätte ich eigentlich gar nicht gebraucht, weil ich sowieso die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Aufgestanden, Koffer ins Auto und kurz noch bei meiner Schwester vorbeigeschaut. Die hat zwar noch geschlafen aber das war noch nie ein Hindernis für mich. Ganz ohne eine letzte Verabschiedung wollte ich dann doch nicht gehen. Nach der für mich viel zu langen Fahrt zum Düsseldorfer Flughafen, hieß es dann noch eine Stunde warten.
Ich war wohl ein bisschen übereifrig was die Zeitplanung betraf. Doch nach der Gepäck Abgabe ging alles ganz schnell. Kurz noch andere Rotary Austauschschüler kennengelernt, bei Starbucks einen Kaffee getrunken und von meiner Familie verabschiedet. Das war echt hart für mich. Aber ich komme ja wieder. Weiter ging es dann über den Sicherheitscheck nach Madrid. In Madrid eine halbe Stunde lang das Gate suchen, weitere Austauschschüler kennengelernt und ab in den Flieger nach Quito. Elf Stunden fliegen ist nicht so leicht zu meistern wie man sich das vorher vorgestellt hat, aber auch nicht so schwer, wenn man eine nette Sitznachbarin hat. Silva Hahnenkamp aus Rheine wird auch für ein Jahr in Ecuador leben. In der Nähe von Quito und der Mitte der Welt.
In Quito angekommen erwartete uns dann der erste Kulturshock. Alles ist anders. Die Straßen, die Häuser, die Landebahn, der Flughafen, die Autos. Hinter den Einwanderungsschaltern beobachte ich eine halbe Stunde lang wie mein Koffer seine Bahnen über das Kofferband zieht bis ich dann endlich drankomme. Mein Visum wird gebraucht und noch zwei Papiere die wir im Flugzeug ausfüllen sollten. Ich überschritt eine Linie hinter dem Schalter und war endlich da wo ich hin wollte. Ich bin seitdem offiziell in Ecuador! Schnell den Koffer gepackt, von den anderen verabschiedet und raus zu den schon lange wartenden Familien die jeden von uns ein zuhause geben sollten.
Mich holten mein Chairman, ein Ansprechpartner bei Problemen von Rotary, mein Gastbruder Jose und der Sohn des Chairmans, der zu meinem Glück ausgesprochen gut Englisch sprach. Von Quito aus sind es insgesamt rund sechs bis sieben Auto Stunden nach Esmeraldas. Während der ganzen Fahrtzeit musste ich schon mal feststellen, dass mein Spanisch noch lange nicht ausreicht, um sich vernünftig zu verständigen. Vor allem aber scheiterte mein Gehirn an den 24 Stunden die es zu der Zeit schon gearbeitet hatte.
In Esmeraldas angekommen, lernte ich dann noch zur später Stunde meine neue Familie kennen. Ich hab zwei Gastschwestern: Michelle (14) und Emily (16) und einen Gastbruder: Jose (18). Meine Gasteltern heißen Hiralda und Miguel Contreras. Mehr schaffte ich an dem Abend nicht. Ich musste endlich schlafen. Jetzt bin ich schon zwei Wochen hier und hab viel erlebt. Ich gehe jeden Tag in der Woche ab sieben Uhr morgens in die Schule. Da es eine Marineschule ist, darf ich mich jeden morgen auf dem Schulhof mit den anderen zum Appell treffen. Stillstehen und jeden Montag die Hymne singen. Dazu werden die Fahnen gehisst.
Heißt es "patos un dos" müssen wir uns hinhocken und ein bisschen hin und her wackeln bis es wehtut. Manchmal müssen wir es tun weil irgendwer die Befehle vom Kommandanten nicht richtig befolgt hat. Meistens aber denkt sich der Kommandant irgendetwas aus um uns ein bisschen kleiner zu machen. Das macht ihn nicht gerade beliebter und bei den Schülern kursieren schon so manche Kommandantenwitze über seine mikrige Körpergröße, aber so ist das eben. Es ist ja eine Millitärschule.
Der sonstige Unterricht verläuft ganz anders als in Deutschland. Manchmal kommen die Lehrer, manchmal auch nicht. Oft müssen sie während des Unterrichts telefonieren oder sie unterhalten sich freundschaftlich mit ihren Schülern über etwaige Probleme des Lebens. Witzig wird es auch wenn die Lehrer ihre Kommandanten Witze auspacken. Die Schüler und Lehrer stehen hier in einem sehr engen Verhältnis. Man begrüßt sie wie einen besten Freund oder eine beste Freundin und kann mit ihnen über alles reden.
Mein bester Freund in der Schule Jimmy Villamar ist der Liebling der Schule. Mit keinem hat er Streit, die Lehrer umarmt er und küsst die Lehrerinnen auf die Wange. Das einzige große Problem hatte er bis jetzt mit dem Kommandanten, der ihn ein Weichei genannt hat, womit Jimmy mit anderen bösen Wörtern antwortete. Jetzt ist der Stress wieder vorbei, aber es gab wegen ihm schon eine große Konferenz mit allen hohen Tieren der Marine. Keiner hat sich wirklich dafür interessiert und Jimmy geht weiter auf das Lyceo Naval, so heißt die Schule.
Ich habe schon viele Freunde hier gefunden und bin sehr glücklich ausgerechnet auf diese Schule gekommen zu sein. Heute treffe ich mich erst mit noch einer anderen Austauschschülerin von AFS im centro comercial und gehe nachher noch in die Schule zu einer kleinen Elternweltmeisterschaft,
also wünscht mir viel Spaß und bis zu meinem nächsten Bericht!
Euer Ecuadorianer,
Otis
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