
Um 6.50 Uhr schließen die Schultore
An meiner Schule in Ecuador ist vieles anders als in Deutschland. Das fängt schon mit dem Tragen einer Schuluniform an. Um 6.50 Uhr werden die Schultore geschlossen. Jeden Morgen heißt es antreten.
Hallo nach Ibbenbüren,
Es ist kalt, Schnee fällt, der Weihnachtsbaum steht schon fertig im Esszimmer, Kerzen brennen. Mit einer dicken Jacke gehe ich raus in den Garten und muss schon aufpassen nicht hinzufallen. Ich steige die Treppen zum Garten hinauf. Die Stufen sind glatt. Die ersten Stufen schaffe ich noch problemlos. Die sechste Stufe ist komplett gefroren. Meine Winterstiefel treffen den glatten, kalten Stein. Sie finden keinen halt. Ich strauchel ein bisschen. Ich fange mich wieder doch es reicht nicht aus. Zwei Sekunden später strauchel ich schon wieder und dann passiert es. Meine Stiefel rutschen ab. Ich falle...
Mit einem Ruck bin ich wach. Der Wecker klingelt. Ich richte mich vollgeschwitzt in meinem Bett wieder auf. Um mich herum liegen drei Kissen, die Decke liegt auf dem Boden. Mein Handywecker spielt leise ein Lied vor sich her. Mumford and Sons begrüßen mich wie jeden Morgen. Genervt stelle ich den Handywecker wieder ab und rutsche über die Bettkannte auf den Boden. Zwei Sekunden später bin ich im Bad. Es ist sechs Uhr morgens. In einer Dreiviertelstunde werde ich in der Schule stehen und marschieren. In Deutschland hätte ich noch weiterschlafen können.
Mit meiner Millitäruniform schleiche ich mich dann um halb sechs zum Frühstück. Jeden Morgen bin ich gespannt was es heute wieder gibt. Es gibt Cornflakes. Schön. Ich kann mir meine Portion selber einteilen. Schon lange hab ich kein Brot mehr gegessen. Ein schönes Körnerbrötchen mit Salat und Salami. Das ist schon was her. In Deutschland hätte ich das jetzt essen können.
Nach dem morgendlichen Zähneputzen geht es in das rote Auto von meiner Familie. Mein Vater wartet schon ungeduldig. Mit ihm warte ich auch etwas ungeduldig auf meine Schwestern, die immer ein bisschen länger brauchen. Als sie ankommen, gibt es wie immer ein bisschen Geschimpfe über das immer wieder zu spät kommen. Der Motor wird angeschmissen und wir fahren los. Es ist schon 6:45 Uhr. Um 6:50 Uhr werden die Schultore zugemacht. Wir müssen uns beeilen. Es wird gebetet und meine Schwestern schweigen noch eine kurze Weile andächtig, bevor sie sich selbst zum Schluss bekreuzigen.
In Deutschland hab ich das nie gemacht, ich wäre auch nicht mit dem Auto gefahren. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist es doch viel gemütlicher. Wir holen noch einen Schulkameraden von zuhause ab bevor wir die Schule anpeilen. Die Tore sind noch auf, aber ab jetzt wird mit jedem geschimpft, der durch die Pforte tritt. Die Mütze auf und dem Kommandanten guten Morgen gewünscht.
Der Rest der Schüler steht schon auf dem Platz. In Reih und Glied wird schon marschiert. Wir fast-zu-spät-Kommer reihen uns noch schnell ein. Vor mir steht eine gute Schülerin die das Privileg hat uns Anweisungen zu geben. Wir gucken nach rechts, nach vorne und dann nach links. Körper in einer straffen Haltung. Die Fahnen werden gehisst. Ecuadorianische Flagge in der Mitte und irgendwelche Militärflaggen links und rechts von ihr. Unvorstellbar in Deutschland. Vielleicht beim Militär aber doch nicht in den Schulen, wo weltoffene und kreative Menschen heranwachsen sollen.
Die Klassen nach der Formation am Morgen sind relativ entspannt. Ich habe heute statt nur zwei, drei Stunden Informatik-Unterricht. Das bedeutet, dass ich mich eineinhalb Stunden ganz auf irgendetwas im Internet konzentrieren kann. Da ich solange keinen Tatort mehr gucken konnte, ist jetzt die perfekte Gelegenheit für mich gekommen. Youtube sei dank finde ich gleich auch einen ganzen Tatort aus Münster. “Gehen sie mal erhobenen Hauptes unter meinen Schreibtisch!” Schade dass die Ecuadorianer kein Deutsch verstehen.
Nach der Schule geht es ohne Formation nach Hause. Irgendwer hat beschlossen, dass alle Nachmittagsformationen abgeschafft werden. Die Schüler, darunter ich auch, freuen sich. Mein Gastvater wartet schon mit seinem Parteiauto vor der Schule, um meine Schwestern und mich nach Hause zu fahren. Irgendwer fehlt immer und wir warten ein bisschen. Währenddessen ziehen an meinem Fenster immer wieder Schulkameraden von mir vorbei, die sich über den Wagen lustig machen. Ich habe das Gefühl das die Partei nicht bei allen so gut ankommt. Letztens hat auch ein Taxifahrer ein bisschen böse über die Partei gesprochen, als wir ihn gefragt haben.
Zuhause angekommen steht schon das Essen auf dem Tisch und wir müssen uns nur noch kurz umziehen. Das Essen wird wie so oft vor den Fernseher verlegt um “Smallville” zu gucken. Rausgehen ist heute nicht. Ist ja nicht üblich in meiner Familie und so werde ich wieder Weihnachtsbriefe schreiben und mir selber Gitarre beibringen. Ich versuche so gut wie es geht gegen den Fernseh-, Computer- und Schlaftrend anzugehen. Ich glaube, das alles wird als eine Art Beschäftigungstherapie gegen die ecuadorianische Jugend eingesetzt. Man hat doch alles zuhause, warum dann rausgehen?
Meine Denkweise ist aber eine andere. Wenn man den Kindern doch zeigt wo sie hingehen können, wo es nicht gefährlich ist. So etwas gibt es hier auch. Wenn man den Kindern zeigt wie sie sich auf der Straße verhalten müssen, was sie wahrnehmen müssen, wo sie aufpassen müssen, wäre es nicht besser? Eine Regel gibt es hier auf die man besonders achtgeben muss: Eine leere Straße, ist eine gefährliche Straße. Sind Menschen auf der Straße, wird die gefährliche Straße wieder sicherer. Wenn die Jugend sich in Parks treffen würde, wenn wirklich viele Jugendliche unterwegs wären die auch ein bisschen Verantwortungsbewusstsein mitbringen, würde es nicht sicherer werden? Würden nicht mehr Menschen über mehr Probleme nachdenken? Würde man nicht schneller Antworten auf regionale Probleme finden, wenn mehr Menschen darüber nachdenken? Ist nicht gerade die Jugend der Teil der Bevölkerung, der noch offener für neues ist und auch kreativ? Jugendliche sind anpassungs- und aufnahmefähiger. Man sieht hier viele kaputte Gebäude und Straßen. Es wäre nicht schwer, einen Stein an die Seite zu räumen, aber die Menschen hier haben die Angewohnheit zu warten bis alles wirklich richtig kaputt ist, bevor sie es reparieren. Das es kostengünstiger und besser wäre etwas einfach zu reparieren, wenn es noch geht, das fällt hier den wenigsten ein. Das hat mir ein Freund von mir erklärt der ursprünglich eigentlich aus Quito kommt und seit zwei Jahren hier lebt.
Er fand meine Theorie eigentlich gar nicht so schlecht. Er hat schon in den USA gelebt, ist dann nach Quito zurück gekommen und wechselte dann mit vierzehn Jahren nach Esmeraldas. Er weiß was man beachten muss und wie man sich anpassen muss. Er war in den USA wirklich frei. Dann wieder in Quito schrenkten sich zwar so einige Dinge ein aber er durfte größtenteils machen was er wollte um sich tagsüber zu beschäftigen. Esmeraldas ist dabei ungewohnt. Er darf auch viel machen. Er geht auf Feiern und und und, aber es ist doch weniger als in Quito.
Er vergleicht es hier mit einem Gefängnis mit Ausgang. Gerade die Familiären Strukturen ändern sich stark von der Sierra bis zur Costa. Während sich an der Küste noch viele Familien an den alten Traditionen festhalten, was auch gleichzeitig die Frauenrechte einschränkt, geht es in der Hochebene schon moderner zu. Durch die verschiedenen Kulturen hindurch entwickelt sich ein Mix. Modern, religiös und traditionell. Joseph Castellano, so heißt mein Schulkamerad hier, wird seine Kinder freier erziehen sagt er.
Er will im nächsten Jahr noch einen Schüleraustausch nach Canada machen. Ich helfe ihm ein bisschen bei der Bewerbung weil sein Englisch in den vielen Jahren nach seiner USA Zeit schon arg gelitten hat. Dafür, sagt er, kommt er mich auch mal in Deutschland besuchen. Er hatte sowieso vor irgendwann mal nach Europa zu kommen um mehr zu lernen und über die Welt zu wissen. Ich habe ihm angeboten, wenn er kommt, ein paar Reisen mit ihm zu unternehmen.
Lieber Gruß und eine schöne Adventszeit!
Euer Otis
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