
Von roten Punkten, bösem Fisch und einem Sams
Ich habe mich ja letztens mit dieser Austauschschülerin von AFS getroffen. Wir wollten uns im Multiplaza treffen - so heißt das centro comercial - und dort kurz was essen gehen. Doch leichter gesagt als getan. Hier ist der zweite Teil.
Hallo Ibbenbüren,
ich habe mich letztens mit dieser Austauschschülerin von AFS getroffen. Wir wollten uns im Multiplaza treffen - so heißt das centro comercial - und dort kurz was essen gehen. Doch leichter gesagt als getan. Hier ist der zweite Teil.
Der Tag im Multiplaza war ein Freitag. Am Abend bin ich mit meinem Gastbruder noch feiern gewesen. Von sieben bis 2 Uhr Nachts haben wir gefeiert und zu Reaggeton getanzt, bis mir die Beine wehtaten. Als Deutscher ist man andere Arten des Feierns und Tanzens gewohnt. Statt im Kreis und meistens alleine, tanzt man hier fast immer mit weiblicher Begleitung und eng aneinander geschmiegt. Man tanzt hier auch Salsa und um das zu lernen, brauche ich wohl noch ein bisschen.
Der Samstag ging schneller vorbei als gehofft. Wie auch schon am Freitag, ging ich zur Elternmeisterschaft in der Schule. Ich war noch etwas müde und kam deswegen mit meinem Spanisch nicht so ganz zurecht. Bei den Gesprächen meiner Freunde kam ich nicht mit. Doch am Ende starrten mich trotzdem alle an.
Mit einer aus Händen dargestellte Kamera, Mikro und Taschenlampe als Beleuchtung musste ich dem aus meinen Freunden bestehenden Kamerateam plus Zuschauer und Moderator auf Deutsch meine Einschätzung zum Fußballspiel von irgendwelchen Mannschaften abgeben, deren Spiel wir uns gerade ansahen.
Ich redete auf Deutsch und David, ein Freund von mir, übersetzt alles auf Spanisch. Ich verstand natürlich nichts davon. Was er erzählte, ging aber davon aus, dass es lustig war, denn der Rest des Publikums lachte sich schlapp. Natürlich versteht David kein Deutsch und wahrscheinlich haben sie mich verarscht. Das einzige Wort, das ich zwischendurch dreimal verstanden habe, war “Justin Bieber”.
Am Abend ging dann nichts mehr. Doch am nächsten Tag ging dann wieder viel. Es ging nämlich nach Mompiche zum dortigen Luxushotel “Decameron”. Zweieinhalb Stunden Fahrt trennten mich nun nur noch von einem Zusammentreffen zwischen mir und über dreißig anderen Austauschstudenten von Rotary aus der ganzen Welt. Doch vorher ging es in Mompiche, ein kleines Dorf in der Nähe des Hotels, noch schön lecker Fischessen. Das sollte ich noch bereuen.
Meine ganze Familie hatte die zweieinhalb Stunden Fahrt auf sich genommen und brachte mich über einen Schotterweg zum Hotel.
Es ist wirklich ein riesen Ding dieses Decameron, das muss man schon sagen. Schnell noch ein paar Fotos gemacht und verabschiedet.
Ich bin kaum durch den Eingangsbereich durch, da sehe ich schon eine gut gelaunte Meute Jugendlicher auf mich zukommen.
“Are you an exchange student?” Bist du ein Austauschschüler? Jap, das bin ich. “Yes I am!”, so ging es los. Ich lernte über zehn Austauschschüler aus Deutschland kennen und noch einen bunt gemischten Haufen aus dem Rest der Welt. Vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika waren hier gut vertreten.
Das erste Treffen nach dem Essen nahte. Wir versammelten uns alle im Eingangsbereich des Hotels und warteten auf unsere Betreuer. Ich guckte an mir herunter, sitzt alles perfekt? Ich wollte ja schließlich nicht als hässlicher deutscher Austauschschüler herüberkommen. Mein T-shirt, check, meine Hose, check, meine Schuhe, check, meine Mütze, check meine Arme... Meine Arme? Was war denn plötzlich mit meinen Armen los?
Rote Punkte schmückten meinen Unterarm. Ein Blick durch das T-Shirt auf meinen Schultern und an mir herunter auf meinen Bauch ließ genau diese roten Flecke dort auch erscheinen. Es fing an zu jucken. Das kannte ich. Ich hatte Fisch gegessen. Ich hatte wirklich noch einmal Fisch gegessen. Selbst schuld, ich habe eine Fischallergie.
Schnell rief ich meinen Vater in Esmeraldas an. Er sollte mir doch bitte die Namen der Tabletten geben, die mich schon letztes Mal vor Schlimmerem bewahrt hatten. Ab zum Hotel-Arzt und die Tabletten eingeworfen. Ab da an hieß es warten. Die Hälfte des Tages war schon um. Um sechs Uhr wurde es dunkel und meine roten Flecken waren durch die Dunkelheit gut vor den Augen der anderen versteckt. Nur ich konnte spüren, wie sie immer größer und mehr wurden. Sie juckten wie verrückt.
Hatten die Tabletten etwa gar nicht geholfen? Ich hatte viel Fisch gegessen. Er war frittiert gewesen und hatte gut geschmeckt. Sonst mag ich Fisch eigentlich gar nicht. Ich flüchtete vor jeder Lichtquelle.. Mittlerweile hatten die roten Punkte auch mein Gesicht erreicht, es schwoll ein wenig an und fing auch stark an zu jucken. Um 2 Uhr flüchtete ich mich dann in mein Zimmer. Dort angekommen erwartete mich die nächste Misere.
Einen amerikanischen Austauschschüler hatte es nicht besser getroffen als mich. Er hatte wohl am falschen Stück Fleisch genagt und rannte alle zwei Minuten zum Klo um zu würgen und zu brechen. Dass er aber so oft zum Klo rannte, ließ den Anschein erwecken, dass das, was raus sollte, leider nicht rauskam.
Während er auf dem Klo war, packten mich die Juckreize wieder. Ich stellte mich vor den Spiegel und betrachtete meine Hüften, Bauch und meine Brust. Ich hatte sicher schon an über vier Zentimetern Umfang zugenommen, so stark waren die Schwellungen. Die anfangs noch alleine agierenden roten Punkte verbündeten sich und schafften somit einen riesen Punkt, der immer weiter wuchs, wobei er sowieso schon mehr als die Hälfte meiner Hautfläche bedeckte.
Ich konnte mich nicht mehr angucken und rannte zum Arzt. Dabei machten mir die Schwellungen noch arg zu schaffen, da sie meine Bewegungsfreiheit ein bisschen stark einschränkten. Beim Arzt angekommen, hieß es natürlich wie immer erst einmal warten. Er war wohl gerade für eine halbe Stunde etwas essen gegangen. Als er dann kam und meine Allergie sah, staunte er nicht schlecht.
Sofort gab er mir eine Spritze, von der ich nicht genau wusste, was sie bewirken sollte. Der Arzt sprach kein Englisch und in die Fachsprache des Ecuadorianers in Spanisch, wurde ich noch nicht eingeweiht. Ich vertraute dennoch darauf, dass er wusste, was er tat und wankte zurück in mein trautes Heim.
Jetzt weiß ich, dass die Spritze eine Anti-Allergie-Spritze war, bei mir aber wirkte sie zusätzlich noch als Schlafmittel. Ich bin immer so fertig, wenn mir etwas gespritzt wird.
Am nächsten Morgen schwänzte ich den Kurs, zu schlecht ging es mir, um aufzustehen und zu grässlich waren immer noch meine roten Punkte. Ich sah aus wie ein Sams. Leider konnte ich mir nichts wünschen. Um neun Uhr kam dann der nächste Arzt-Termin und ich war pünktlich. Ich hätte zu der Zeit alles gemacht, um diese Allergie so schnell wie möglich loszuwerden.
Ich erzählte dem Arzt auf gebrochenem Spanisch, dass es nicht das erste Mal sei, dass ich so eine Allergie hatte. Das erste Mal war es aber nicht einmal halb so schlimm gewesen. Als Antwort darauf verpasste er mir gleich noch mal eine Spritze und legte mir nahe, mich in mein Bett zu legen. Vorher sollte ich mir aber noch verschiedene Tabletten reinschmeißen.
Langsam wurde mir mulmig zumute. Ich vertraute dem Arzt zwar, der mittlerweile auch von noch zwei anderen Ärzten des Hotels in meiner Behandlung unterstützt wurde, dennoch hätte ich gerne gewusst, was ich da nahm.
Der Amerikaner mit dem Brechreiz hatte sich zu dem Zeitpunkt wieder erholt und machte sich es nun zur Aufgabe, mir so gut es ging zu helfen. Auch meine anderen Zimmerkollegen versuchten alles Mögliche, damit es mir besser ging und holten mir viel Wasser an mein Bett, um meine Tabletten runterzukriegen.
Der Amerikaner rief seinen Vater an. Dannys Vater, Danny so hieß der Amerikaner, ist Arzt in den USA und konnte mir helfen. Danach war ich ein bisschen schlauer. Ich nahm harmlose Tabletten gegen Allergien und Vitamin-B-Tabletten für meinen Körper. Die beiden Spritzen waren gegen starke allergische Reaktionen und auch nicht weiter gefährlich. Soweit so gut.
Ich blieb trotzdem erst einmal für den zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Mompiche in meinem Bett. Bis neun Uhr abends schlief ich, guckte Fernsehen und wankte noch einmal zur Visite in das Zimmer des Arztes. Dann um neun Uhr war alle Aufregung vorbei. Die Allergie ging so schnell wie sie gekommen war und ich ging so schnell, wie ich in mein Bett gehüpft war, wieder aus meinem Schlafzimmer hinaus zu den anderen.
Das Decameron in Mompiche liefert einem durchgehendes Programm.
Man kann lernen zu tanzen, man kann sich jeden Abend eine neue Unterhaltungsshow auf einer Bühne auf dem Hotelgrundstück ansehen und man kann sich von morgens bis abends vollfressen. Wofür das Decameron noch berühmt ist, sind die Möglichkeiten zu schwimmen und sich am Strand zu sonnen.
Leider blieb uns die Sonne in unserer Aufenthaltszeit bis auf einen Tag fern und die Sache mit dem Schwimmen hatte auch so seinen Haken. Der Pool hat jeden Tag leider nur bis 21 Uhr auf. Nachtschwimmen wird einem von der Security mit Schusswaffen verboten. Der Strand ist zwar vierundzwanzig Stunden auf, aber schwimmen darf man direkt am Hotel nie. Man muss erst mit einem Boot einen schmalen Fjord überwinden und dann noch 300 Meter zum nächsten überwachten Strandabschnitt laufen. Wer das nicht macht, wird vom freundlichen Hotelpersonal erst aufmerksam und dann von dem Security-Personal gefügsam gemacht.
Da die Boote leider nur halbtags unterwegs sind, bekamen wir von dem begehbaren Strandabschnitt auch nicht soviel mit. Wir hatten morgens bis nachmittags über sieben Stunden lang Spanisch-Klassen.
Es war zwar lehrreich aber auch sehr, sehr anstrengend.
Nach dieser dennoch gut verlaufenen Woche mit abendlichen Strandspaziergängen, Feten und Tanzstunden im Überfluss ging es für mich und alle anderen mit dem Bus nach Quito. Das Wochenende war vorbei und ich hätte eigentlich nach Esmeraldas gemusst, doch in Quito erwartete mich meine Familie.
Mein Gastbruder Jose geht während meines Aufenthaltes in Ecuador für ein Jahr in die USA. Am letzten Freitag dann war es wirklich soweit und um drei Uhr morgens hieß es tschüss. Wir sehen uns wahrscheinlich die nächsten paar Jahre nicht mehr und somit ging eine schöne und lustige Anfangszeit in Ecuador mit Jose zuende. Jetzt ist er in den USA und ich muss mich alleine durch die Familienangelegenheiten schlagen. Er war wirklich eigentlich immer ein guter Verbindungspartner für einen ganzen langen Monat lang.
Heute ist der erste Dienstag ohne ihn. Ich sitze gerade auf der Terasse unseres Hauses und um mich herum herrscht ein reger Straßenlärm. Es ist warm, darum schwitze ich und die Sonne geht gleich unter. Ich weiß, ohne erst die Uhr auf meinem Computer auf ecuadorianische Zeit runterzurechnen, dass es gleich 18 Uhr sein wird. Das einzige, was hier in Ecuador wirklich pünktlich ist, ist die Sonne.
Danke fürs Lesen.
Euer ecuadorianischer Freund,
Otis
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